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Vandenhoeck & Ruprecht. Wissenswertes seit 1735

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Verleger und Gesellschafter

Abraham Vandenhoeck


Abraham Vandenhoeck verließ Hamburg am 12. März 1735, um seine neue Aufgabe in Göttingen zu übernehmen. Im Gepäck befanden sich neben persönlichen Dingen »eine Druckpresse mit allerley Zubehör und 350 Pfund Druckbuchstaben«, was für eine Druckerei im 18. Jahrhundert jedoch nicht sonderlich viel gewesen ist. Der Hamburger Bürgermeister konnte Vandenhoeck zunächst »nicht dimittiren« lassen, denn die Amsterdamer Buchhandlung Wettstein & Schmid hatte Forderungen in Höhe von 1.500 holländischen Gulden erhoben.

Jetzt war diplomatisches Geschick gefragt. Weil Vandenhoeck in Göttingen dringend gebraucht wurde, setzte sich die Hannöversche Regierung für ihn ein und erreichte einen Vergleich: Die Summe wurde gestundet und konnte im Lauf der nächsten beiden Jahre beglichen werden.

Das erste Jahr in der neuen Universitätsstadt war hart: Das Ehepaar Vandenhoeck fand keine Wohnung, der ausgehandelte Standort für Druckerei und Buchhandlung erwies sich als ungeeignet. Doch der 35-jährige Geschäftsmann löste die Probleme. Am 30. August 1736 wurde er unter der Matrikelnummer 25 als »Universitätsverwandter« eingetragen. Dieser Status, den neben Professoren und Verwaltungsangestellten auch Lieferanten der Universität erhalten konnten, war ein weiteres Privileg: Vandenhoeck unterstand damit der Jurisdiktion der Universität und nicht der Stadt Göttingen.

Dies bedeutete u.a., dass er von Steuerpflichten, Postgebühren und der insbesondere während des Siebenjährigen Krieges lästigen Einquartierungspflicht befreit war. Außerdem unterlag er nicht dem Zunftzwang.

Am 12. August 1750, unmittelbar nach Abraham Vandenhoecks Tod, schrieb der Schweizer Universalgelehrte Albrecht von Haller (1708–1777), einer der wichtigsten Autoren des Göttinger Verlags, an den Philologen Johann Matthias Gesner, der Vandenhoeck 1734/35 gemeinsam mit Münchhausen ausgewählt hatte: »Nuper obiit Van den Hoeckius (magna mea cum iactura) sed vidua inceptos libros ad finem perducet.« [Kürzlich ist Vandenhoeck gestorben (ein großer Verlust für mich); aber seine Witwe beabsichtigt, die Bücher, die sich in der Produktion befinden, herauszubringen.]

Anna Vandenhoeck


Anna Vandenhoeck erwies sich als umsichtige, verhandlungsstarke Verlegerin, die den Rat intelligenter Männer schätzte und es verstand, deren Verbindungen zu nutzen. Zu ihren wichtigsten Verbündeten gehörte neben dem Ehepaar Haller der Minister und Universitätsgründer Gerlach Adolph Freiherr von Münchhausen. Verlagsintern setzte sie ihre Hoffnung in den jungen Carl Friedrich Günther Ruprecht, den noch ihr Mann zum Jahresbeginn 1748 als Lehrling eingestellt hatte.

Als Anna Vandenhoeck am 5. März 1787 kinderlos starb, war sie eine nach Aussage von G. F. Lichtenberg »reiche« Frau und hinterließ ein Testament, in dem sie den Lehrling von einst als Haupterben einsetzte, daneben aber auch die reformierte Kirche großzügig bedachte sowie die 1743 gegründete Professorenwitwenkasse. Auch Laden- und Hausangestellten sowie Freunden machte sie Zuwendungen.

Carl Friedrich Günther Ruprecht


1758 war ein Schlüsseljahr für den 1730 in Schleusingen bei Suhl (185 km südöstlich von Göttingen) geborenen Carl Friedrich Günther Ruprecht gewesen: Seine Verlegerin hatte ihn allein zur Leipziger Buchmesse geschickt, die kurz zuvor (1751) die Frankfurter Messe als Buchhandelsplatz abgelöst hatte. In einem Brief, den der 28-Jährige am 25. April 1758 an Anna Vandenhoeck schrieb, heißt es, er wolle hoffen, dass das »Papier sich bald in Gold und Silber verwandeln möge«.

Sein Wunsch sollte sich erfüllen: Der Verlag entwickelte sich nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges (1763), nicht zuletzt durch das Geschick des jungen Geschäftsführers, prächtig. Die höchste Anerkennung für Ruprechts Arbeit war, dass Anna Vandenhoeck ihn zum Haupterben machte und ihm 1787 ihren Verlag hinterließ. Er selbst und seine Nachkommen wussten damit umzugehen, denn das 1787 in Vandenhoeck & Ruprecht umbenannte Unternehmen ist heute in siebter Generation im Familienbesitz.

Als Anna Vandenhoeck starb, war Ruprecht 57 Jahre alt und ledig. Auf dem Weg zur Leipziger Messe 1787 übernachtete er in Weimar und lernte Dorothea Heintze, die Tochter des Direktors der Weimarer Eliteschule Herzoglich Wilhelm Ernestinisches Gymnasium kennen. Es war Liebe auf den ersten Blick, und Ruprecht zögerte nicht lange, sondern hielt gleich am nächsten Morgen beim Vater um die Hand der 33-Jährigen an. Am 31. Juli 1787 fand die Hochzeit statt, ein Jahr später ging aus der Ehe die Tochter Marianne und nach weiteren zwei Jahren Ruprechts Sohn und Nachfolger Carl (2.) hervor.

Carl August Adolf Ruprecht


Der junge Carl (2.) August Adolf Ruprecht, dem in der Familienchronik ein »heiterer, wohlwollender Sinn« bescheinigt wird, trat 1812 in den Verlag ein, um seinen Vater zu entlasten, der vier Jahre später, am 26. Geburtstag Carls (2.), sterben sollte. Die französische Besetzung (1804–1815) während der Napoleonischen Kriege (1792–1815) erschwerte die Verlagsarbeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts und erforderte einiges diplomatisches Geschick.

Auf eine noch härtere Probe wurde die ausgeglichene Art des zweiten Ruprechts jedoch 1837 gestellt: Als König Ernst August es wagte, die Verfassung aufzuheben, distanzierte sich der Göttinger Verleger davon: Bis zum Revolutionsjahr 1848 fühlte er sich als entschiedener Regierungsgegner, als »Liberaler«, und handelte sich ebenso wie die »Göttinger Sieben« mit seinen Ansichten erhebliche wirtschaftliche Nachteile ein.
Carl (2.) starb 1861, wenige Tage nach seinem 70. Geburtstag.

Carl (3.) Johann Friedrich Ruprecht


Die Geschäfte übernahm sein Sohn Carl (3.) Johann Friedrich Ruprecht. Wie seine Vorfahren zog auch er mit der Übernahme der verlegerischen Verantwortung in die Verlegerwohnung in der Weenderstraße 85 um. Er war der letzte Ruprecht, der hier wohnte: 1887 wurde das neue Verlagsgebäude in der Theaterstraße bezogen.

In der Familienchronik wird Carl (3.) als zupackender, aber auch schwieriger Charakter beschrieben. Legendär ist sein Streit mit dem vehement antipreußischen Orientalisten und Theologen Heinrich Ewald (1803–1875), einem der »Göttinger Sieben« und Autor zahlreicher bei V&R erschienener Werke. Ewalds Temperament muss ebenso aufbrausend gewesen sein wie das seines Verlegers. Dies belegt ein im Verlagsarchiv erhaltenes Bündel, das Carl (3.) mit dem Vermerk »Grober Briefwechsel mit Ewald« beschriftete.

Die erste wichtige Handlung Carls (3.) war die Trennung von Verlag und Buchhandlung (1862) in zwei separate Unternehmen. Im Buchhandel genoss er durch die von ihm begründeten Fachkataloge, systematisch geordnete Halbjahresverzeichnisse für Geschichte und Geografie, für Medizin, Naturwissenschaften, Philologie und Theologie, große Anerkennung. Die Bibliografien, die er mehr als 50 Jahre lang verantwortete, wurden in großen Ballen in die ganze Welt verschickt und trugen entscheidend dazu bei, dass V&R seine seit Abraham Vandenhoeck gewachsene internationale Bedeutung stetig weiter ausbauen konnte.

Wilhelm Ruprecht


Wilhelm Ruprecht studierte Staatswissenschaft in Tübingen und wurde dort 1881 zum »Dr. oec. polit.« promoviert. Anschließend arbeitete er im väterlichen, personell noch klein gehaltenen Verlag mit, dessen Auslieferung damals weitgehend durch Kommissionäre in Leipzig erfolgte. An diese erste Zeit bei V&R schloss sich eine Tätigkeit bei dem aufstrebenden Verlag von Max Niemeyer in Halle und in London in der Buchhandlung von Nikolaus Trübner an. 1884 rückte er wieder als Gehilfe bei V&R ein und wurde, zusammen mit seinem Bruder Gustav, 1887 Teilhaber. Verlegerisch engagierte er sich vornehmlich in der Sprachwissenschaft, daneben auch am theologischen Programm mitarbeitend. Als befreundeten Autor schätzte er besonders Pastor Friedrich Naumann, der ihm mit seinem »National-Sozialen Verein« auch politisch nahe stand. Von 1894 bis 1900 gab Naumann die Reihe »Göttinger Arbeiterbibliothek« mit sozialpolitischen Kleinschriften heraus (Autoren waren z.B. Max Weber und Hans Delbrück). Wilhelm Ruprecht erhielt 1932 für seine Verdienste im Börsenverein des Deutschen Buchhandels das Goldene Ehrenzeichen des Buchhandels.

Gustav Ruprecht


Gustav Ruprecht wurde in Rostock, Leipzig und New York buchhändlerisch und verlegerisch ausgebildet. 1887 wurde er, ebenso wie sein Bruder Wilhelm, Teilhaber seines gesundheitlich geschwächten Vaters. Er entwickelte rasch neue Initiativen für das Verlagsprogramm von V&R, besonders auf dem Gebiet der Theologie.

Während sein Bruder Wilhelm am 1. Weltkrieg aktiv teilnahm, führte er die Geschäfte des Verlags. Obwohl sonst kaum noch Bücher gekauft wurden, hatte er Erfolg mit »Kriegsagenden« – d.h. Bücher mit Texten und Liturgien für Gottesdienste während der Kriegszeit, die in hoher Stückzahl verkauft wurden und mit dem dezidiert vaterländisch orientierten Erziehungsbuch »Das neue Geschlecht« von Richard Kabisch sowie mit einigen Autoren, deren Nationalismus beiden Verlegern zum Kriterium für die Erneuerung der Kirche in Deutschland wurde und manche antisemitischen Züge trug. Zukunftsweisend wurde, dass Gustav Ruprecht als Autoren und Herausgeber die Neutestamentler Rudolf Bultmann und Paul Althaus gewann. Langer Atem: Die Erfüllung eines Verlagsvertrags mit Bultmann erlebte erst der Enkel Arndt Ruprecht nach fünfzig Jahren!

Günther Ruprecht


Günther Ruprecht – Sohn Gustav Ruprechts – kehrte im Herbst 1923, auf dem Höhepunkt der Inflation, nach buchhändlerischer Ausbildung und Tätigkeit in Breslau, Heidelberg, Leipzig und Stockholm nach Göttingen zurück. Mit großer Energie widmete er sich der Modernisierung der Firma und dem Ausbau des theologischen Verlags (nach dem 2. Weltkrieg auch der Buchbranche, z.B. durch den Anstoß zum »Verzeichnis lieferbarer Bücher«).

V&R verdankt ihm den Aufbau der ersten vollständigen Kommentarreihe zum Alten Testament sowie gewichtige theologische Lexika, Lehr- und Handbücher. Weiteste Verbreitung erzielten von seinen Autoren der Alttestamentler Martin Noth und der Neutestamentler Joachim Jeremias, dessen Bücher zu den am meisten übersetzten des Verlags gehören. 1933 wagte Günter Ruprecht die Option für die Bekennende Kirche und gründete deren Zeitschrift »Junge Kirche« . 1947 vertraute ihm die Vereinigung evangelischer Buchhändler ihren Vorsitz und Wiederaufbau an. 1960 machte ihn die Universität Göttingen zu ihrem Ehrenbürger und 1998 deren theologische Fakultät zu ihrem ältesten Ehrendoktor. Er wurde mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Hellmut Ruprecht


Sein Vetter Hellmut Ruprecht löste nach einer buchhändlerischen und verlegerischen Ausbildung in München, Halle und Leipzig und der Modernisierung der von 1929 bis 2004 zu V&R gehörenden Deuerlich’schen Buchhandlung 1935 seinen Vater Wilhelm im Verlag ab. Er leitete diesen während des Kriegs allein.

Nach 1945 gewann er einflussreiche, aktive Autoren und Berater für den Ausbau der vorhandenen und die Eröffnung neuer Verlagsgebiete: Altphilologie (Bruno Snell), altsprachliche Schulbücher (Otto Wecker), Mathematik (Wilhelm Süß, Heinrich Behnke) Wirtschaftswissenschaft (Andreas Predöhl), bis 1970 auch erzählende Literatur. Sein Engagement in der damals noch nicht etablierten Medizinischen Psychologie erwies sich als überaus zukunftsträchtig. Sein wichtigster Mitarbeiter und Prokurist war Dr. Arnold Fratzscher (1952–1970), der die Fächer Geschichte und Literaturwissenschaft sowie die Kleine Vandenhoeck-Reihe betreute. Hellmut Ruprecht wurde für seine Verdienste im Börsenverein des Deutschen Buchhandels mit der Friedrich Perthes-Medaille ausgezeichnet.

Dietrich Ruprecht


Dietrich Ruprecht nahm nach seiner Buchhandelslehre ein Studium vor allem der Germanistik und Geschichte auf, das er 1956 mit der Promotion abschloss. Nach Verlagsvolontariaten in Oxford und Berlin trat er 1958 in den Verlag ein. Als Verleger konzentrierte er sich auf die Programmbereiche Wirtschafts-, Sprach und Altertumswissenschaft sowie Philosophie und Mathematik. Zu seinen größten Projekten zählen die »Archaeologia Homerica« , die kommentierte deutsche Platon-Ausgabe, die 10-bändige, kommentierte Strabon-Edition, das sprachgeschichtlich bedeutsame 4-bändige »Litauisch-deutsche Wörterbuch« von A. Kurschat, das in einem Vorstadium schon seinen Großvater Wilhelm Ruprecht beschäftigt hatte, sowie die 25 kommentierten Bände »Wilhelm Raabe. Sämtliche Werke. Braunschweiger Ausgabe«. Sein intensiver Einsatz für die deutsche Übersetzung der wichtigsten Werke des polnischen Arztes, Pädagogen und Schriftstellers Janusz Korczak wurde 1982 belohnt mit der postumen Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an diesen Autor.

In seiner verlegerischen Arbeit wurde Dietrich Ruprecht unterstützt von den Lektoren und Prokuristen Dr. Winfried Hellmann (Geschichte; Literaturwissenschaft; Schulbuch Latein) und Dr. Bernd Rachel (Psychologie).
Arndt und Dietrich Ruprecht wurden gegen Ende ihrer Verlegertätigkeit für ihr unternehmerisches und ehrenamtliches Engagement mit der Goldenen Ehrennadel des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und mit dem Verdienstkreuz des Niedersächsischen Verdienstordens ausgezeichnet.

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