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Blick nach vorn – V&R-Geschäftsführer Carola Müller und Ulrich Ruprecht im Gespräch mit Maria Ebert


Was hat sich seit 2005 dadurch verändert, dass die operativen Geschäfte von V&R erstmals in der Verlagsgeschichte jemand führt, der nicht Inhaber ist?
Carola Müller (CM): Der Verlag orientiert sich heute stärker am Markt und versucht für die Marketingkommunikation und die Programmgestaltung die Bedürfnisse der Kunden möglichst genau auszuloten. Dies fällt einer externen Geschäftsführerin wahrscheinlich leichter als Verlegern aus der Inhaberfamilie, die zu vielen Autoren und Projekten eine sehr persönliche und über viele Jahre gewachsene Beziehung haben. Den Prozess, Vertrieb und Werbung gleichberechtigt neben die inhaltliche Programmarbeit zu stellen, haben jedoch schon die beiden Seniorverleger und Reinhilde Ruprecht eingeleitet, indem die Marketingabteilungen seit Beginn der 1990er-Jahre systematisch gestärkt wurden. 

Mit elf Familien-Gesellschaftern ist V&R weiterhin ein klassisches Familienunternehmen. Worin liegen die Vorteile einer solchen Konstruktion?
CM: 2004 wurde der Gesellschafterkreis von vier auf elf erweitert, die nächste Generation also aktiv einbezogen. Trotzdem ist die Zahl der Gesellschafter immer noch so überschaubar, dass auch ein externer Geschäftsführer zu jedem einen persönlichen Kontakt pflegen kann und einzuschätzen vermag, welche Interessen er mit dem Verlag verfolgt. Es gibt die Chance, auf einer inhaltlichen Ebene über Investitionen zu reden und langfristige Entwicklungen anzustoßen. Dies ist sehr wichtig, weil kurzfristiges Denken im Geschäftsfeld Buch- und Zeitschriftenverlag erfahrungsgemäß nicht sehr aussichtsreich ist.

Einer im Herbst 2009 veröffentlichten Studie zufolge nutzen bereits 50% der Deutschen das Internet, um sich über Bücher zu informieren. Was bedeutet das für einen Verlag wie V&R?
Ulrich Ruprecht (UR): In einem Verlag, der wie V&R im Bereich der wissenschaftlichen Publikationen, der Fachinformation und der Lehrwerke engagiert ist, heißt das, dass alles umorganisiert werden muss. Sämtliche Publikationen müssen mit möglichst umfangreichem Material im Web präsentiert werden, und online bestellt werden können. Das haben wir erreicht.
CM: Im nächsten Schritt machen wir jetzt die Produkte selbst elektronisch verfügbar. Wir arbeiten mit einigen Plattformen zusammen, sind aber zu der Erkenntnis gelangt, dass wir die Marke V&R am besten nutzen und stärken können, wenn wir unsere eBooks und eJournals auch auf unserer Internet-Seite anbieten. Derzeit stellen wir neue Mitarbeiter ein, die exakt für diese Aufgaben qualifiziert sind, und bauen unsere komplette interne Datenverwaltung sowie unsere Web-Angebote um.

Werden sich wissenschaftliche Verlage in zehn Jahren stärker mit Spezialisten für Digitalisierung auseinandersetzen als mit Druckereien?
UR: Das Geschäft muss sich nicht abkoppeln. Klassische Druckereien wie unsere Schwesterfirma Hubert & Co. können ihr Know-how sowie ihre Kontakte zu Verlagen nutzen und sich zu Digitalisierungsexperten weiterentwickeln. Hubert & Co. hat diesen Schritt gemacht und ein neues Geschäftsfeld besetzt. Verlage nehmen diesen Service gern in Anspruch, weil sie dadurch technischen Aufwand aus dem Arbeitsalltag fernhalten können. Insbesondere konzernunabhängige Verlage sind an dieser Dienstleistung sehr interessiert, weil sie den komplexen Anforderungen des ePublishing-Geschäfts mit seinem hohen Tempo und den entsprechenden technischen Investitionen im eigenen Haus oft gar nicht gewachsen wären.
CM: Aus Sicht der Druckerei ist es strategisch richtig, in diese Richtung zu gehen, weil sich die Kundenbeziehungen dadurch stabilisieren: Eine Druckerei, die sich im Workflow so eng mit Verlagen verzahnt, kann sich wesentlich besser gegen Billiganbieter, Moden und Preisschwankungen abgrenzen.

Wie kommt es, dass V&R hinsichtlich der systematischen elektronischen Aufbereitung seiner Inhalte derzeit zu den Vorreitern der Buchbranche gehört?
CM: Das Gros unserer Autoren sind Wissenschaftler und hat naturgemäß eine hohe Internetaffinität. Zu unseren wichtigsten Abnehmern gehören Bibliotheken, die aus verschiedenen Gründen – nicht zuletzt auch wegen geringer werdender Etats – immer stärker auf elektronische Publikationen setzen. Wenn sich Autoren- und Abnehmermarkt vollständig geändert haben, ist es klar, dass der Verlag, der zwischen diesen beiden Polen steht, nur überleben kann, wenn er sich ebenfalls mit hoher Geschwindigkeit in Richtung ePublikation entwickelt.

Erleichtert die hohe Affinität zum Elektronischen Publizieren die Akquisition neuer Autoren?
CM: Diese Hoffnung haben wir. Für wissenschaftliche Verlage geht es im Dialog mit Autoren derzeit sehr stark darum, sich gegenüber der Open-Access-Bewegung zu positionieren und die Vorteile klassischer Verlage gegenüber Selbstverlag und Selfarchiving deutlich zu machen. In dieser Frage geht es um Qualitätssicherung und professionelle Verbreitung von Inhalten. Eine unumstößliche Voraussetzung für die Leistungsfähigkeit eines Wissenschaftsverlags ist es, die besten Autoren eines Fachgebiets zu gewinnen und zu halten sowie mit den renommiertesten Forschungsinstitutionen zu kooperieren. Dafür muss man heute die gesamte Klaviatur auch des elektronischen Publizierens beherrschen.
UR: Ein Wissenschaftsverlag wie V&R darf sich gegen Open Access nicht verschließen. Wir haben inzwischen Autoren und Fördergesellschaften, die es zur Bedingung machen, dass der Verlag zusätzlich zum klassischen Geschäft auch Open-Access-Angebote macht.

V&R gehört zu den Gründungsgesellschaftern von UTB. Welchen Stellenwert hat dieser Zusammenschluss heute für einen Wissenschaftsverlag?
CM: Ich halte diese Vertriebsgemeinschaft für den wichtigsten Zusammenschluss in der gesamten 275-jährigen Verlagsgeschichte, und wir können den Verlegern, die 1971 den Mut und den Weitblick hatten, sich auf einer solchen Ebene mit ihren besten Mitbewerbern zusammenzutun, gar nicht genug danken. Die derzeit 16 selbstständigen UTB-Verlage haben eine sehr gute Vertrauensbasis und pragmatische Entscheidungsstrukturen.
UR: Leider gibt es immer weniger Verlage, mit denen ein solcher Austausch auf Augenhöhe möglich ist.
CM: Aktuelle Projekte, wie der in enger Kooperation mit Bibliotheken durchgeführte Test zu »UTB-studi-e-book«, wären ohne diese über Jahre eingeübte Zusammenarbeit gar nicht zu realisieren, und auch UTB:forum, ein Instrument, mit dem wir auf den Konzentrationsprozess im Handel reagieren, ist für die beteiligten Verlage von großer vertrieblicher Bedeutung.

Ist ein Verlag, der 275 Jahre alt ist, besser für einen sich verändernden Markt disponiert als einer, der erst die erste oder zweite Verlegergeneration erlebt?
UR: V&R ist seit sieben Generationen im Familienbesitz und hat in jeder Generation seines Bestehens sehr viele Veränderungen bewältigt. Dieser Gedanke macht Mut, aber natürlich müssen auch wir als Traditionsunternehmen uns in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ebenso wie Newcomer stets aufs Neue behaupten.

Wo sehen Sie V&R in 25 Jahren, zum 300-jährigen Bestehen?
CM: Unter den relevanten Publikationsorten für Wissenschaft und zielgruppenorientierte Fachinformation, die den Umstieg vom klassischen Buchverlag geschafft haben und sich munter und zügig weiterentwickeln. Zumindest arbeiten wir zur Zeit genau daran …
UR: … und bei der aktuellen Konstellation des Gesellschafterkreises können wir davon ausgehen, dass dieser alles daran setzt, dass V&R mit V&R unipress als unabhängige Unternehmen der Wissenschaft und Forschung verpflichtet bleiben.

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