Gesammelte Werke
Wilhelm Dilthey
Nach fast 100-jähriger Editionsgeschichte konnte 2006 mit dem 26. Band die Ausgabe der Gesammelten Schriften von Wilhelm Dilthey (1833–1911) abgeschlossen werden. Der Bahnbrecher der Geisteswissenschaften studierte u.a. Theologie und Philosophie in Heidelberg und Berlin, war 1867/68 Professor in Basel, 1868–71 in Kiel, 1871–82 in Breslau und danach in Berlin.
Dilthey versuchte, eine »Erfahrungswissenschaft der geistigen Erscheinungen« (1910) im Sinne einer »Kritik der historischen Vernunft« aufzubauen und methodisch zu sichern: Im Unterschied zu den Naturwissenschaften, in denen unabhängig vom menschlichen Handeln gegebene Ereignisse durch theoretische Entwürfe (Hypothesen) systematisiert und erklärt werden, muss der Geisteswissenschaftler seinen Gegenstandsbereich – dessen Teil er selber ist – verstehen, indem er anhand von Lebensäußerungen die geschichtliche Wirklichkeit des Menschen nachvollzieht.
Mit seinem Hauptwerk, der »Einleitung in die Geisteswissenschaften« (1883), prägte Dilthey nahezu alle humanwissenschaftlichen Forschungsbereiche, insbesondere aber die Geschichte und die Pädagogik. Allerdings sind die meisten seiner Schriften erst nach seinem Tod erschienen.
Die ersten Bände, herausgegeben von seinem Schwiegersohn Georg Misch und drei weiteren Schülern (Bernhard Groethuysen, Herman Nohl und Paul Ritter), erschienen 1914 in dem auf Altphilologie und Mathematik spezialisierten Leipziger Verlag B. G. Teubner. 1936 wurde diese Editionsphase, aus der elf Bände hervorgegangen sind, unterbrochen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Werkausgabe mit dem von Herman Nohl herausgegebenen X. Band (»System der Ethik«, 1958) bei Teubner fortgesetzt. Der Reformpädagoge gab bei V&R die Monatsschrift »Die Sammlung. Zeitschrift für Kultur und Erziehung« heraus und gewann seine Göttinger Verleger dafür, die Dilthey-Schriften im Verbund mit dem, ab Band 13 dann ohne den Teubner Verlag fortzusetzen.
Ab 1967 wurde – unterstützt durch ein Langzeitprojekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) – im Institut für Philosophie der Ruhr-Universität Bochum an der Fortführung der Ausgabe gearbeitet. Ein mühseliges Unterfangen: Während die ersten zwölf Bände überwiegend auf veröffentlichtem Material basieren, musste bei der übrigen Edition der handschriftliche Nachlass entziffert, ausgewählt und ediert werden. Nohl selbst hatte schon die Grundlage für Band X (1958) als »Dschungel der Papiere« bezeichnet, weil die Blätter des Vorlesungsmanuskripts durcheinander geraten waren, das aus 1.890 diktierten Seiten sowie aus von Dilthey geschriebenen Teilen bestand.
1983 gründete Frithjof Rodi (*1930) am Bochumer Institut für Philosophie die Dilthey-Forschungsstelle, die neben der Editionsarbeit eine Reihe weiterer Aktivitäten entfaltet hat. So erschienen bei V&R zwischen 1983 und 2000 zwölf Bände des »Dilthey-Jahrbuchs für Philosophie und Geschichte der Geisteswissenschaften«.
Die Ausgabe der Gesammelten Schriften wird ab 2010 um eine auf mindestens drei Bände angelegte Edition der Briefe Diltheys aus den Jahren 1852–1911 ergänzt. Auch diese Edition betreut die Bochumer Forschungsstelle. Herausgeber sind Gudrun Kühne-Bertram und Hans-Ulrich Lessing.


