Die Entdeckung des Geistes
Bruno Snell
Kaum ein Anderer hat nach 1945 so stark auf das geisteswissenschaftliche Programm von V&R eingewirkt wie der Hamburger Altphilologe Bruno Snell (1896 bis 1986). Snell hatte in der Zeit des Nationalsozialismus seine geistige und politische Unabhängigkeit bewahrt. Den damaligen Machthabern war er schon wegen seiner zahlreichen Auslandsaufenthalte (England, Niederlande, Italien, Griechenland) und internationalen Beziehungen suspekt. Trotzdem gelang es ihm beispielsweise, ein Seminar gegen den Ungeist der Zeit abzuhalten.
Unmittelbar nach dem Krieg fasste er seine sprachgeschichlichen und -philosophischen Arbeiten in dem Buch »Die Entdeckung des Geistes. Studien zur Entstehung des europäischen Denkens bei den Griechen« (1946) zusammen und gab damit der Nachkriegsgeneration eine Anleitung zur Neuorientierung. Snell war davon überzeugt, dass durch eine möglichst exakte Bedeutungsanalyse der Wörter der Zugang zur Geistesgeschichte zu finden sei. Von der Ausdrucksform der homerischen Gleichnisse aus verfolgte er den Weg hin zum wissenschaftlichen und philosophischen Analogieschluss, vom Mythos zum Logos.
Die erste Auflage erschien 1946 im Hamburger Verlag Claassen & Goverts. Dass sein inspirierendes, bald weit verbreitetes Buch ab der 4. Auflage 1975 bei V&R erschien, war nur folgerichtig: Snell hatte inzwischen die meisten seiner Publikationen dem Göttinger Verlag anvertraut.
Schon vor Kriegsende hatte Snell an seinem Seminar das »Archiv für griechische Lexikographie« gegründet, das 1953 in »Thesaurus Linguae Graecae« umbenannt und zur selbstständigen Institution erweitert wurde.


