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Das Deutsche Kaiserreich

Hans-Ulrich Wehler


Als erster Band des Kompendiums »Deutsche Geschichte in zehn Bänden« erschien 1973 »Das Deutsche Kaiserreich« des kurz zuvor in Bielefeld auf eine Professur berufenen Historikers Hans-Ulrich Wehler (*1931): ein Paukenschlag, der nicht kräftiger hätte ausfallen können. Wehler interpretierte die Zeit zwischen 1871 und 1918 konsequent sozioökonomisch und verstand die Bismarckzeit als Vorgeschichte des Nationalsozialismus. Daran entzündete sich ein Disput, der das Buch für jeden Historiker zu einem »Muss« machte, und den Verlag V&R zu dem Verlag der kritischen Sozialgeschichte.
Zu den Rezensenten gehörten so prominente Kollegen wie Golo Mann, der den »jüngeren Vertreter der mittleren Generation deutscher Historiker« am 16. Juni 1974 in der »Neuen Zürcher Zeitung« als »klugen Manne« adelte. Mann konstatierte, das Buch werfe »so ziemlich alle Fragen auf, die heute den Historiker, die überhaupt den denkenden Zeitgenossen beunruhigen«. Allerdings sei das Werk ohne eine Zusatzlektüre wie den »Ploetz«, also eine Ereignisgeschichte, nur für denjenigen verständlich, der vom »Gang der Ereignisse« bereits etwas wisse.

Der Erscheinungstermin des Taschenbuchs gilt als »Geburtsstunde zur Idee der Gesellschaftsgeschichte« (Cornelius Torp). Der Berliner Historiker Sven Felix Kellerhoff schrieb 2006 anlässlich des 75. Geburtstags Wehlers, »Das Deutsche Kaiserreich« habe mehr als 20 Jahre »an historischen Seminaren deutscher Universitäten ehrfürchtig nur ›das blaue Buch‹« geheißen. »Niemand«, so Kellerhoff weiter, »der sich auf akademische Weise mit neuerer deutscher Vergangenheit beschäftigen wollte, kam daran vorbei. Mit dem ›blauen Buch‹ vollzog Wehler den vielleicht folgenreichsten Paradigmenwechsel in der (alt-)bundesrepublikanischen Geschichtswissenschaft.« 

Wehler selbst erinnert sich: »Wir waren im Juli 1971 nach Bielefeld umgezogen, als Vandenhoeck mich fragte. Ich hatte aber nicht viel Zeit, weil in Bielefeld gleich der Betrieb einsetzte. Als ich noch überlegte, ob ich das Angebot des Verlags annehmen sollte, sagte damals Thomas Nipperdey, ich solle die Finger davon lassen, er mache das ausführlicher und sei im nächsten Jahr fertig. Ich sagte, seine Position sei mir ja bekannt, dann könne ich ja eine eindeutige Gegenposition entwickeln. Sie hing sehr ab von dem vorrangigen Interesse an Politik und Ökonomie, das uns in den späten 60er Jahren umtrieb. Anhand der Stichworte meiner ersten Bielefelder Vorlesung habe ich bis Weihnachten geschrieben, bin dann im Januar 1972 nach Harvard gefahren und habe das dort auf Englisch vorgetragen. Dann habe ich die Fassung, die dabei entstand, an Vandenhoeck geschickt. Unter dem Zeitdruck, neben all den neuen Bielefelder Aufgaben dieses Manuskript schnell fertig zu kriegen, habe ich mich strikt an die einmal gewählte Gliederung gehalten, war aber innerlich fest davon überzeugt, dass das Buch, wenn Nipperdey im nächsten Jahr fertig wäre, ein Beitrag zu einer Debatte sei, die dann weiterlaufen werde. Dass das dann bei Nipperdey elf Jahre dauern würde, konnte man nicht vorhersehen.«

Mit einer Gesamtauflage von mehr als 70.000 Exemplaren ist Wehlers »Kaiserreich« der erfolgreichste Titel des zehnbändigen Kompendiums geblieben. Doch auch die übrigen Bände sind weiterhin in Neuausgaben lieferbar und werden bis heute in der universitären Ausbildung als Studienliteratur eingesetzt.

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