Göttinger Predigtmeditationen
Ein wichtiges Hilfsmittel für den Pfarrdienst und eine Konstante im Programmbereich Theologie sind seit 1946 die »Göttinger Predigtmeditationen« (GPM). Entstanden aus den maschinenschriftlichen Predigthilfen, die der aus Ostpreußen stammende Systematiker Hans Joachim Iwand (1899–1960) nach dem Zweiten Weltkrieg für die geflüchteten ostpreußischen Pfarrer erarbeitete, waren die Texte als Hilfsmittel für diejenigen gedacht, die ohne ihre in der Heimat zurückgelassenen theologischen Bücher auskommen mussten.
Schon nach wenigen Wochen wurde der Verleger Günther Ruprecht auf die Predigthilfen aufmerksam und fragte Iwand, ob er die Meditationen nicht einer größeren Zielgruppe zugänglich machen wolle. Überall in Deutschland waren Bibliotheken in Flammen aufgegangen, Pfarrfamilien ausgebombt worden. Iwand zeigte sich begeistert und bewegte nahezu die gesamte Theologische Fakultät zur Mitarbeit. Als Herausgeber wurde der Praktische Theologe Wolfgang Trillhaas (1903–1995) gewonnen.
Da theologische Zeitschriften von der britischen Militärregierung erst 1949 zugelassen wurden, erschienen die Predigtmeditationen in den ersten drei Jahren als Schriftenreihe mit vierteljährlichem Erscheinungsrhythmus. Markenzeichen der Reihe war das sorgfältige exegetische Fundament der Texte, die aktuelle und praktische Anstöße lieferten. In der Nachkriegszeit, in denen die Theologieverlage kaum neue Bücher veröffentlichen konnten, obwohl die alt- und neutestamentliche Forschung blühte, waren die Hefte so beliebt, dass nicht einmal die Währungsreform den Absatz verringerte.
Als V&R 1949 eine Lizenz zur Neugründung der »Monatszeitschrift für Pastoraltheologie« erhielt, entschied der Verlag, die GPM in dieses Periodikum zu integrieren, um der Zeitschrift von Anfang an eine möglichst große Leserschaft zu sichern. Parallel dazu waren die GPM weiterhin auch separat zu beziehen.
Fünf Jahre später erweiterte sich der Leserkreis der GPM erneut: Iwand, von Beginn an sehr darum bemüht, jenseits der Grenzen Mitarbeiter zu gewinnen, um möglichst viele unterschiedliche Facetten der Schriftauslegung zusammenzutragen, hatte erreicht, dass die Evangelische Verlagsanstalt (Ost-Berlin) eine DDR-Ausgabe der GPM ins Programm nahm. Die beiden Verlage organisierten einen mit ost- und westdeutschen Theologen besetzten Herausgeberkreis. Die Redaktion erforderte großes Fingerspitzengefühl, und obgleich V&R darum bemüht war, in der Ost-Berliner-Ausgabe »Anstößiges« zu vermeiden, wurden die DDR-Behörden regelmäßig fündig und zensierten. Die Evangelische Verlagsanstalt erreichte mit ihrer unentgeltlich gewährten Lizenzausgabe 8.000 zusätzliche Abonnenten.
In den späten 1960er-Jahren erreichten die GPM mit einer Gesamtauflage von 18.000 Exemplaren ihre Blütezeit. Indesssen wurden die politischen Spannungen zwischen Ost und West immer stärker. Als Martin Fischer, seit dem Tod von Iwand, 1960, Herausgeber der GPM, 1970 Kirchenamtspräsident der in beiden Gebieten vertretenen, von der DDR aber abgelehnten »Evangelischen Kirche der Union« wurde, war der Bruch unvermeidlich: 1972 erschien nach 18 Jahren die letzte gesamtdeutsche GPM-Ausgabe. In der DDR wurde die Publikation von den »Evangelischen Predigtmeditationen« abgelöst.


