Gnosis und spätantiker Geist
Hans Jonas
Die Geschichte des Buchs »Gnosis und spätantiker Geist« ist die Geschichte der Treue eines Verlags zu seinem von den Nationalsozialisten vertriebenen Autor: Der Philosoph Hans Jonas (1903–1993), einer der bedeutenden Denker des 20. Jahrhunderts, hatte das Manuskript des ersten Bands (»Die mythologische Gnosis«) dem Verlag übergeben, bevor er im August 1933 nach London floh, der ersten Station seiner Emigration.
1934 konnte das bis heute lieferbare Buch dank des Engagements seines Lehrers Rudolf Bultmann erscheinen. Jonas erzielte damit den Durchbruch in der Deutung der Gnosis. Mit Hilfe der existenzialistischen Interpretation seines Lehrers Martin Heidegger hatte der Philosoph, der 1928 mit seiner Arbeit »Der Begriff der Gnosis« an der Marburger Philipps-Universität promoviert wurde, die komplizierten Mythen dieser spätantiken religiösen Bewegung entschlüsselt. Es ist Jonas’ Verdienst, dass der dualistische Geist der Gnosis heute als Wurzel des europäischen Denkens gilt.
Die Gnosis, eine gefährliche, vielschichtige und aufgrund ihrer zahlreichen Gruppierungen schwer zu greifende Konkurrentin des frühen Christentums, ist ein zentrales Thema der Theologie, weil sich an ihrem Beispiel nachweisen lässt, welchen Einfluss Erlösungsbewegungen auf das Christentum haben. Relevant ist dies heute vor allem für die Auseinandersetzung mit der Anthroposophie und der Esoterik.
Den zweiten Teil seines Buchs hatte Jonas für Ende 1934 angekündigt und V&R bereits erste Kapitel geschickt, die sogleich gesetzt wurden. Als in Deutschland die Synagogen brannten, brach Jonas die Arbeit daran ab. Im Juni 1945 betrat der inzwischen in Jerusalem lebende Wissenschaftler – als Artillerist der in die britische Armee integrierten Jewish Brigade Group – erstmals nach zwölf Jahren wieder deutschen Boden und besuchte auch seinen Göttinger Verlag. Was er in der Theaterstraße erlebte, schilderte Jonas im Vorwort des schließlich 1954 erschienenen zweiten Bands: Auf seine Frage, »was aus dem seinerzeit von mir unkorrigiert gelassenen Satz von etwa zwei Bogen geworden sei«, habe er die Antwort erhalten, »dass er durch all die Jahre stehen gelassen worden sei, in der Erwartung, dass die Verbindung schließlich wieder aufgenommen und dann die Arbeit weitergeführt werden würde«. Jonas, der sich in Jerusalem damals mit anderen Themen beschäftigte, sah sich 1945 – auch aus persönlichen Gründen – außerstande, die Beschäftigung mit der Gnosis sofort wieder aufzunehmen und vertröstete seine Verleger.
Als er das Gnosis-Manuskript dann doch fortführte, stellte Jonas fest, dass der zweite Band zweigeteilt werden musste. »Von der Mythologie zur mystischen Philosophie« erschien 1954. Der 20 Jahre zuvor publizierte erste Band, von dem während der NS-Zeit lediglich 263 Exemplare abgesetzt werden konnten, wurde den Lesern durch einen unveränderten Nachdruck zugänglich gemacht. Einschließlich der 1988 verbesserten und erweiterten 4. Auflage wurden vom ersten Band über die Jahrzehnte 5.500 Exemplare gedruckt, vom zweiten Band, dessen Schlussteil erstmals 1993 erschien, 3.750 Exemplare. Gemessen an den Auflagen der Publikationen, die Jonas mit Zustimmung seiner Göttinger Verleger bei Suhrkamp veröffentlichte, waren es bescheidene wirtschaftliche Erfolge – und doch gehört Jonas zu den wichtigen und prägenden Autoren im V&R-Programm.


