Das Göttinger Septuaginta-Unternehmen
Da die griechischsprachigen Juden den hebräischen Text des Alten Testaments (AT) nicht mehr verstanden, wurden im 3. Jahrhundert v. Chr. die kanonischen Bücher ins Griechische übertragen. Diese Septuaginta (lateinisch für 70, »LXX«) genannte Übersetzung liefert wichtige Aufschlüsse darüber, wie das griechisch-hellenistische Judentum das AT interpretierte. Ihren Namen verdankt die Schrift der Legende, wonach die Übersetzung in nur 72 Tagen von 72 Gelehrten gefertigt worden sein soll.
Der ursprüngliche Text der Septuaginta ging im Lauf der Jahrtausende verloren. Die Erforschung der überlieferten LXX-Fragmente hat an der Göttinger Universität aber eine lange Tradition, und auch V&R legte bereits im 18. Jahrhundert Editionen dieser Handschriften vor. Im Verlagsarchiv befindet sich beispielsweise die Ankündigung einer Vorlesung des Orientalisten Johann David Michaelis aus dem Jahr 1767 zum Thema sowie die 1774 veröffentlichte Edition einer 1772 in Rom entdeckten Daniel-Handschrift. Ebenfalls aus dem 18. Jahrhundert ist die 1775 bei V&R erschienene, von Hermann von der Hardt herausgegebene Hosea-Ausgabe mit den lateinischen Erläuterungen dreier Rabbiner.
Die historisch-philologisch geprägten Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts forderten schließlich eine systematische Edition der Ursprungsübersetzung. Die Septuaginta stellt eine Schnittstelle zwischen der jüdischen und der christlichen Lebens- und Glaubenswelt dar, ist also für die Religions- und Kulturgeschichte von großer Bedeutung. Erste Forschungsbemühungen hatte Paul Anton de Lagarde (1827–1891) unternommen. Doch erst seinem Schüler Alfred Rahlfs (1865–1935) gelang es, das Projekt in die Tat umzusetzen: Am 1. April 1908 konnte das sogenannte Septuaginta-Unternehmen als Einrichtung der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen seine Arbeit aufnehmen. Finanziell abgesichert war die Rekonstruktion des Bibeltextes durch das Preußische Ministerium der Geistlichen, Unterrichts- und Medicinalangelegenheiten sowie von 1911 an durch die Reichsregierung.
In der Leitungskommission saßen klassische Philologen, Sprachwissenschaftler sowie Alt- und Neutestamentler. Sie trugen im Lauf der Jahrzehnte zahlreiche Versatzstücke zusammen, die auf den unterschiedlichsten Medien überliefert sind: Amulette zählen ebenso dazu wie eine aus Rhodos stammende Bleirolle, die den 80. Psalm dokumentiert.
Der erste Band des 1908 gegründeten Septuaginta-Unternehmens ließ jedoch auf sich warten: Er erschien erst 1931 unter dem Titel »Psalmi cum Odis« und wurde von Werner Kappler ediert. Diese »Editio major« wurde damit kurz vor dem Ende der Weimarer Republik endlich greifbar.
Abgeschlossen ist die textkritische Ausgabe aber bis heute nicht: Der Editionsplan geht von knapp 40 Bänden aus, von denen bis 2010 zwei Drittel fertiggestellt wurden. Im Jahr 2015 soll das Septuaginta-Unternehmen vollendet sein.
Das Interesse an der »Editio major«, von der immer wieder neue Forschungsimpulse ausgehen, ist mehr als 100 Jahre nach Beginn des Großwerks ungebrochen: Die internationale Gemeinschaft der Septuaginta-Forscher hat etwa 400 Fortsetzungen abonniert. Von begehrten Einzelbänden konnte V&R sogar 2.300 Exemplare verkaufen. Damit gehört die »Editio major« zu den herausragenden theologischen Editionen der Verlagsgeschichte. Ein Beleg für ihre internationale Bedeutung ist die digitale Ausgabe der US-Verlage Oaktree Accordance und Logos Bible Software, deren erste Bände Ende 2009 als elektronische Lizenz (DVD) verfügbar wurden.


