Kritisch-exegetischer Kommentar über das Neue Testament
Heinrich August Wilhelm Meyer
Ein gutes Beispiel für den langen Atem, den Verlage, insbesondere Wissenschaftsverlage, benötigen, gibt der »Kritisch-exegetische Kommentar über das Neue Testament« (KeK) von Heinrich August Wilhelm Meyer (1800–1873). Das seit mehr als 175 Jahren lieferbare, immer wieder von neuen Theologengenerationen überarbeitete Werk ist einer der langlebigsten Titel der internationalen Buchhandelsgeschichte und das traditionsreichste Kommentarwerk der neutestamentlichen Wissenschaft.
Am Anfang stand eine Ausgabe des Neuen Testaments in griechischer Sprache mit deutscher Übersetzung. Herausgeber war kein Theologieprofessor, sondern ein gelehrter Dorfpfarrer, der, obgleich erst 27 Jahre alt, schon umfangreiches Material gesammelt hatte. Der Verleger Carl (2.) August Adolf Ruprecht schloss mit Meyer am 26. November 1827 – durchaus wagemutig – einen Verlagsvertrag. Doch er schätzte die Arbeitskraft des Theologen, dessen älterer Bruder Carl Joseph 1826 den Lexikonverlag Bibliographisches Institut gegründet hatte, richtig ein: Die zweibändige Ausgabe mit einem Gesamtumfang von 1.456 Seiten konnte 1829 erscheinen. Im zweiten Schritt sollte Meyer einen Kommentar erarbeiten. Geplant waren zwei Bände. Als das Werk 1859 komplett vorlag, war der Umfang jedoch auf das Achtfache angewachsen.
Für V&R war das Opus von großer Bedeutung. Um eine optimale Verbreitung zu erzielen, wurden pro Bogen nur 17,5 Pfennig verlangt, etwa ein Viertel weniger als bei der vierbändigen »Deutschen Staats- und Rechtsgeschichte« (1807–1823) von Carl Friedrich Eichhorn. Die Auflagen blieben jedoch trotz des geringen Preises lange relativ niedrig und verlangten den Verlegern viel Geduld ab: In der Regel reichten die Auflagen, die jeweils bei 1.500 Exemplaren lagen, für zehn bis zwanzig Jahre. Einzelne Bände erfreuten sich größerer Nachfrage und erfuhren schon zu Lebzeiten Meyers bis zu fünf Nachdrucke. Entschädigt wurden Herausgeber und Verlag mit großer Anerkennung aus Fachkreisen und aus dem Ausland: Bereits 1873 erschien in Edinburgh eine englische Übersetzung des Kommentars, mit dem Meyer ein Vorbild für die Exegese des Neuen Testaments gegeben hat.
Für die inhaltliche Ausrichtung von V&R war der KEK ein wesentlicher Faktor und rückte die Theologie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer weiter in den Vordergrund des Verlagsprogramms. Die Reihe blieb ununterbrochen im Programm, wurde über eineinhalb Jahrhunderte von hervorragenden Autoren, und seit 1972 von den Herausgebern Ferdinand Hahn und Dietrich-Alex Koch aktuell gehalten und kam schließlich 100 Jahre nach ihrem ersten Abschluss auch in wirtschaftlicher Hinsicht zu neuer Blüte: In den Jahrzehnten zwischen 1948 und 1968, in denen die Exegese Tausende von Theologiestudierende und Pfarrer fesselte, wurde der KEK häufiger verkauft als in den 100 Jahren zuvor. Die besonders gefragten Bände, darunter, »Das Evangelium des Johannes« (21. Auflage) von Rudolf Bultman und »Die Apostelgeschichte« (17. Auflage) von Ernst Haenchen, erreichten mehr als 40.000 Exemplare.
Diese Zeiten sind längst vorbei. Dennoch hält der Verlag am KEK fest, weil er weiterhin gebraucht (zum Teil sogar übersetzt) wird. 2008 erschienen »Der Brief an die Epheser« von Gerhard Sellin sowie »Die Offenbarung des Johannes« von Akira Satake und 2009 »Der erste Brief an die Korinther« von Dieter Zeller.


