Staatsanzeigen
Der Vergleich mag irritieren, aber die »Staatsanzeigen« des Historikers August Ludwig von Schlözer (1735–1809) hatten im 18. Jahrhundert eine ähnliche Bedeutung wie heute das Hamburger Nachrichtenmagazin »Der Spiegel«. Schlözer unterhielt ein weitgespanntes Netz von Korrespondenten in ganz Europa und konnte so jeweils das Neueste in Politik und Kultur berichten. Egon Friedell schrieb in seiner 1928 erschienenen »Kulturgeschichte der Neuzeit« über die Zeitschrift: »Die […] Staatsanzeigen Schlözers, das einzige unabhängige politische Journal in deutscher Sprache, erschienen im freien Göttingen, das infolge der hannoverschen Personalunion fast eine englische Stadt war, hatten einen großen Einfluss: sie waren immer auf dem Schreibtisch Kaiser Josefs zu finden und Maria Theresia pflegte bei wichtigen Regierungsmaßnahmen zu bemerken: ›Was wird Schlözer dazu sagen?‹«
Hervorgegangen sind die »Staatsanzeigen« (1782 bis 1793) aus »August Ludwig Schloezer’s Briefwechsel, meist historischen und politischen Inhalts«, der 1778 bis 1781 in fünf Bänden bei V&R erschienen war. In der Zeit nach dem Siebenjährigen Krieg fanden statistische, historische sowie politische Berichte, Briefe, Daten und Anekdoten breites Interesse. Im Mai 1781 zeigte Schlözer im letzten Heft des Briefwechsels an, dass die Zeitschrift unter verändertem Titel fortgesetzt werden sollte: Ostern 1782 kam V&R als Fortsetzung des »Briefwechsels« mit Schlözers »Staatsanzeigen« auf den Markt, die ebenso wie der »Briefwechsel« für Verlag und Autor ein ökonomischer Erfolg waren. Sie erreichten zeitweilig eine Auflage von 4.000 Exemplaren.
Neben Aufsätzen veröffentlichte Schlözer Urkunden, Verordnungen, Protokolle, Kirchenlisten, Tagebücher, Briefe sowie Auszüge aus Büchern/Zeitschriften, Statistiken, Anekdoten, Rezensionen etc. Der schreibende Historiker verstand sich als Archivar, der sich dem Sammeln, der Vollständigkeit und der Authentizität der Materialien verpflichtet fühlte. Als kulturhistorische Quelle besitzen der »Briefwechsel« und die »Staatsanzeigen« bis heute einen hohen Stellenwert.


